Vaterbilder

Gespräche mit Söhnen
aus Rumpf- und Patchwork-Familien

Als ich das Projekt im Dezember 2002 mit einer Fotoausstellung und einer Lesung einläutete, ahnte ich noch nicht, wie lange es mich in Atem halten würde. Unter dem Aufmerksamkeit heischenden Titel Vatermörder wollte ich das Aufwachsen von Söhnen ohne ihren leiblichen Vater beleuchten. Und es sollte von allem etwas sein: soziologische Studie, journalistische Interviewreihe, Fotoessay und doch ein monolithisches Kunstwerk.

Die Entwicklung des Projekts

Solch einem Anspruch kann man wohl kaum genügen; zumal bei so diffuser Vorstellung, was man mit diesem Werk letztendlich würde sagen wollen. Ich schlafwandelte durch die ersten Monate, getragen von der Faszination, dass sich in meinem Freundeskreis schon seit Jahren vaterlose Söhne zu sammeln schienen.

Doch ohne eine genaue Richtung verebbte vorübergehend mein Elan. Was aber blieb, waren die Interviews, die ich mit den jungen Leipzigern führte, die ich über meine Tätigkeiten als Geschäftsführer im Werk II oder als Bandcoach in der VILLA und in meinem privaten Umfeld kennenlernte.

Mit einigem Abstand schaute ich erneut auf die ersten Gesprächsnotizen, und mir wurde bewusst, welch ein Schatz da vor mir lag. Meine Gesprächspartner sind zumeist Teenager mit einer für das erwachsene Ohr oft anstrengenden Sprache. Aber was sie sagen, lässt uns in ihre Lebenswelt blicken. Schlaglichtartig werden wichtige Aspekte ihres Alltags beleuchtet, einem Leben ohne den leiblichen Vater. Zwölf dieser Söhne ließen sich auch für die vorliegende Publikation fotografieren. Grafische Bearbeitungen dieser Aufnahmen sind im Band ent-halten. Näheres dazu findet sich im letzten Abschnitt.

Schlafender Vatermörder

Alle in diesem Band versammelten Interviews wurden in Leipzig geführt, in den Jahren 2003 und 2004. Die politischen Umbrüche von 1989/90 wirken hinein bis in die Familien meiner Gesprächspartner zwischen 15 und 25 Jahren.

Meine langsame und zögerliche Arbeitsweise hat sich zunächst unerwartet aber auf natürlichem Wege ausgezahlt: Mit zwei Gesprächspartnern konnte ich zehn Jahre später ein zweites Interview führen. In der Zwischenzeit waren sie selbst Väter von Söhnen geworden. Die eigene Vaterschaft färbt auch das Bild des Vaters neu ein.

Die Situation

Die Trennung von Vater und Mutter ist in unserer Gesellschaft zu einer Normalität geworden. Für den Einzelnen ist es aber ein Zusammenbruch der Welt, wie er sie bisher kannte. Für den Sohn ist es außerdem häufig der Verlust oder min-destens die Eintrübung des geschlechtsspezifischen Rollenvorbilds.

Wie nun dieses Bild vom entfernten Vater aussieht, und welches Licht dies auf das Selbstbild junger Männer wirft, dem möchte ich mit meinen Gesprächsaufzeichnungen nachgehen. Als Beispiel möchte ich hier ein Interview wiedergeben:

Christian, 17 Jahre

Na ja, ich bin halt zuhause. Ich habe keine Arbeit. Ich kann daher lange ausschlafen. Na, danach muss ich dann warten, bis die Zeit vorbei ist. Dann treffe ich mich halt mit Freunden und so. Mit denen hänge ich dann halt bis zum Abend rum und dann gehe ich wieder heim.

Zu meiner Familie gehören mein Bruder, mein Stiefvater und meine Mutter. Mein Bruder ist jetzt 14 Jahre alt. Wo mein Vater uns verlassen hat, war ich noch bei meiner Mutter im Bauch. Da war ich noch gar nicht geboren. Meine Mutter hat mir gesagt, dass er sie vor die Wahl gestellt hat: entweder er oder ich. Und da hat sich meine Mutter für mich entschieden.

Ich habe eigentlich gar keine Gefühle für meinen Vater. Weil, ich habe ihn einmal gesehen – nicht mal mit ihm gesprochen oder so. Daher kenne ich diesen Menschen ja eigentlich gar nicht. Das war zur Beerdigung von seiner Mutter, also von meiner Oma. Sie ist halt gestorben. Wir wurden benachrichtigt. Und dann sind wir halt mit dort hingegangen, zur Beerdigung. Und da habe ich ihn dann gesehen. Aber er hat nicht mit mir gesprochen. Er wollte nicht mit mir sprechen. Und da habe ich gedacht: na, wenn er nicht will, soll er es haben, also. Das war schon nicht leicht, weil ich mal versuchen wollte, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Aber er will nicht. Soll er es lassen! Das muss auch schon sechs oder sieben Jahre her sein. Mich interessiert jetzt dieser Mensch nicht mehr. Ich habe ihm zu seinem Geburtstag und zu Weihnachten halt eine Karte geschickt. Und er hat nicht geantwortet. Wenn er nicht will, hat er Pech.

Meine Mutter hat da dieselbe Meinung wie ich, also in der Beziehung, zu meinem Vater. Meinen Stiefvater geht die Sache nichts an. Der hat damit ja nichts zu tun. Er behandelt mich wie ein Vater. Er kann ihn zwar bloß ersetzen; aber er ist wie mein Vater. Ich meine, er hat mich großgezogen, da war ich nur so klein.

Ich unternehme immer mal was mit meinem Stiefvater. Auf der Kleinmesse waren wir, Baden waren wir viel. Alles Mögliche haben wir schon gemacht. Wenn ich abends bis nachts um zwei weg bin und mich mit meinem Vater hinsetze. Eigentlich hoffe ich, dass ich reinkomme in die Wohnung. Na ja, dann geht es halt los. Dann sitzt er eben noch da, wenn ich nachhause komme. Und dann trinken wir noch aus. Mehr gibt es da eigentlich zu erzählen.

Ich weiß nicht, wie mein Leben mit meinem richtigen Vater gewesen wäre. Es ist nicht eingetreten. Und daher kann ich nichts sagen. Mit ihm wäre es vielleicht noch schlimmer gewesen als wie jetzt. Daher wünsche ich mir nicht, noch einmal von so klein anzufangen. Ich habe auch keine Wünsche an meinen Vater. Eigentlich nicht. Von dem brauch ich nichts. Also, ich wüsste nichts.

Mein Vater ist kein "richtiger Mann" gewesen. Das ist ein Waschlappen. Wo ich ihn gesehen habe, schon. Ich weiß nicht. Er ist auf keinen Fall so wie ich! Also, wenn ich so wäre wie er … dann … Das kann ich mir gar nicht vorstellen, so sein wie er. Oder auch nur was von ihm zu haben.

Christian, 17 Jahre

Ich habe eigentlich alles von meiner Mutter. Was ich will, das will ich. Genau wie bei meiner Mutter. Was sie will, das kriegt sie. Also ich glaube nicht. Ich habe nichts so von meinem Vater. Nee, ich möchte nicht so sein wie der.

Ich habe das Durchsetzungsvermögen. Was ich halt angefangen habe, das mache ich auch zu Ende. Also, ich würde schon sagen, ich würde was hinkriegen im Leben. Wenn ich was will, dann kriege ich das auch hin. Und mein Vater, wie ich ihn gesehen habe. Ich habe ihn ja nur einmal gesehen. Also, vom ersten Eindruck kann man ja eigentlich nicht ausgehen. Aber für mich war halt so der erste Eindruck, von seiner Persönlichkeit her. Also, nicht so besonders. Schon allein, weil er nicht mit mir sprechen wollte. Deswegen kam ich mir ein bisschen dumm vor. Und da habe ich mir gesagt: soll er es lassen. Ich bin auf einen solchen Menschen nicht angewiesen. Ich kann auch alleine zurechtkommen. Jetzt spielt meine Mutter nicht mehr eine so wichtige Rolle. Jetzt ist sie eigentlich auch schon für mich gestorben. Also, in manchen Situationen auch nicht. Aber was so angeht, dass ich mich mit ihr unterhalten will. Dann ist sie irgendwie abweisend. Ich weiß nicht. Deshalb möchte ich nicht mit ihr sprechen. Ich spreche auch kaum mit ihr. Aber das Durchsetzungsvermögen habe ich halt von ihr. Was denn noch? Ich habe ja fast alles von meiner Mutter – das ganze Verhalten.

Unser Verhältnis war auch früher besser. Aber dann ist da was dazwischen gekommen. Aber das möchte ich jetzt nicht erzählen. Zu meinem Bruder habe ich eigentlich gar kein Verhältnis. Ich schlafe bloß mit ihm in einem Zimmer und das war es. Und wir sehen uns den ganzen Tag nicht. Er ist froh, wenn ich ihn in Ruhe lasse. Weil, da gibt es nicht so die Streitereien und so. Da gehst du halt jedem Ärger aus dem Weg. Ich meine, ich beschäftige mich schon mit ihm; aber nicht so intensiv, wie es vielleicht Geschwister machen würden. Nur eben mal so: hast du mal, könntest du mal? Und das war es dann schon. Da geht er seinen Weg und ich gehe meinen Weg.

Wie es mit mir weitergeht? Ich kann das ja nicht bestimmen. Heutzutage kannst du sowas nicht bestimmen, weil, es geht ja alles Schlag auf Schlag, dass sich dann mal was verändert, halt. Da kriegst du letztens zum Beispiel … also, meine Mutter hat letztens einen Zuschrieb gekriegt vom Arbeitsamt, dass sie neue Arbeit kriegt. Und zwei Tage später hat sie wieder einen Brief gekriegt, dass sich das erledigt hat mit der Arbeit, halt. Das kann man also nicht wissen.

Ich möchte aber eine Familie haben, wenigstens. Und halt Arbeit, ein geregeltes Leben. Einen geregelten Tagesablauf. Arbeit, halt. Ich muss kein Millionär werden, oder so, der sich auf unehrliche Weise die Frauen kauft, obwohl du die ja auch ohne Geld kriegen kannst. Das war es eigentlich.

Das Buch

Vaterbilder – Gespräche mit Söhnen aus Rumpf- und Patchwork-Familien ist im örtlichen Buchhandel sowie online unter der ISBN 978-3-7450-1597-3 erhältlich. 324 Seiten kosten 14,95 EUR. Es kann auch direkt beim Verlag epubli bestellt werden.

Vaterbilder - Gespräche mit Söhnen aus Rumpf- und Patchwork-Familien; ISBN 978-3-7450-1597-3

Bei weiteren Fragen zum Buch oder zum gesamten Projekt wenden Sie sich bitte an Fabian W. Williges unter http://1f2w.de/.